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Qualifikationen für neue Berufsfelder in Produktion und Industrie 4.0

Mai 12, 2022 | by Ari Kabarganos | 5 min read

Eine der größten Herausforderungen im derzeitigen Arbeitsmarkt ist und bleibt der Fachkräftemangel. In der industriellen Fertigung zeigt sich dieses Dilemma besonders gravierend. Die große Mehrheit der Unternehmen hat, laut einer Umfrage des VDMA („Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau“), mit Personalengpässen zu kämpfen.[i] Zusätzlich, forciert wird diese Problematik durch die digitale Transformation. Die Digitalisierung verändert vor allem in der Produktion Prozesse und ganze Berufsfelder. Allerdings fehlen laut Studien den Mitarbeitern häufig notwendige Kenntnisse und Fähigkeiten, um mit diesen Veränderungen umzugehen.[ii] Der „Future of Jobs“-Report des Weltwirtschaftsforums prognostiziert, dass bis zum Jahr 2025 rund 85 Millionen Stellen in den untersuchten Industrieländern wegfallen, zugleich aber 97 Millionen neue Jobs entstehen werden. Fortbildung oder Umschulung werden daher für rund 50 Prozent aller Angestellten notwendig werden, da viele Jobprofile durch den technischen Fortschritt neu definiert werden.[iii] Weist uns das einen Ausweg aus der Fachkräftemangel-Spirale? Wir haben fünf Ansätze zur Umsetzung passender Maßnahmen zusammengestellt.

Allein die Dax-30-Konzerne haben derzeit mit fast 14.000 offenen Stellen zu kämpfen, was den industriellen Aufschwung stark ausbremst. Dies zeigt eine Umfrage des Handelsblatts auf[iv]. Aber auch der Mittelstand ist besorgt über den Fachkräftemangel. Für 70 Prozent der Firmen stellt sich die Suche nach neuen und ausreichend qualifizierten Mitarbeitern als schwierig bis sehr schwierig dar. Dem Ergebnis des Mittelstandsbarometers 2021 zufolge, können freie Stellen in der Produktion von rund einem Drittel der mittelständischen Unternehmen aus Mangel an qualifizierten Bewerbern nicht besetzt werden.[v] Die McKinsey-Studie “The future of work after Covid-19“ prognostiziert, dass sich über 100 Millionen Beschäftigte weltweit bis zum Ende des Jahrzehnts mit Jobwechseln, Weiterbildungen oder Umschulungen auseinandersetzen müssen. Rund 10,5 Millionen Arbeitnehmende seien voraussichtlich allein in Deutschland bis 2030 von einschneidenden Veränderungen betroffen: 6,5 Millionen Beschäftigte müssten in Weiterbildungen investieren und bis zu 4 Millionen sogar eine Umschulung erwägen, da ihre Arbeitsfelder schneller überflüssig werden, als vor dem digitalen Boost durch Covid-19 erwartet.[vi]

Der Großteil der Unternehmen hat eingesehen, dass fehlende Qualifikationen nicht allein über die Einstellung neuer Mitarbeiter kompensiert werden können, sondern überdies Umschulungen (Reskilling) und interne Weiterbildungen (Upskilling) vorhandener Mitarbeiter notwendig werden, um geforderte Fähigkeiten zu entwickeln.

Reskilling im Praxisbeispiel: Gewisse Sektoren erfordern eine komplette Umschulung von Mitarbeitern für zukünftige Aufgabenfelder. In der Automobilindustrie werden zum Beispiel viele bisherige Jobs wegfallen. Gleichzeitig erschließen sich aber neue Aufgabenbereiche und Servicemodelle durch den Bereich Elektromobilität sowie hybride Fahrzeugmodelle. In anderen Fertigungsbereichen werden Jobs überflüssig, da Roboter eingesetzt werden und Maschinen nicht mehr von den Mitarbeitenden gesteuert werden müssen. Anderseits ist der Bedarf an Fachkräften für die Prozessüberwachung und Programmierern für die Steuerung von IT-Systemen enorm.

79 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, dass sich Mitarbeitende durch veränderte Tätigkeitsfelder in den nächsten fünf Jahren neue Kompetenzen aneignen müssen, betont das Institut der deutschen Wirtschaft[vii]. Die Umsetzung dieser Maßnahmen und deren Integration in den Arbeitsalltag bilden jedoch die Herausforderungen.

Upskilling im Praxisbeispiel: Die Optimierung von Herstellungsprozessen wird durch die zunehmende Digitalisierung und den Einsatz von IoT- und KI-Technologien im Fertigungsbereich ermöglicht. Neueste Geräte und Softwaresysteme sowie die Auswertung der Systemdaten erfordern allerdings eine Schulung der Mitarbeiter[viii]. Dies ist auch notwendig, da weder ausreichend Fachkräfte mit benötigter Qualifizierung am Arbeitsmarkt verfügbar wären noch ein Austausch der Mitarbeitenden zielführend wäre. Eine Zertifizierung von Fachkräften und kontinuierliche Weiterbildung erfordern beispielsweise auch neue Compliance-Anforderungen, wie TSAX in der Automobilbranche.

Umsetzung von Qualifizierungsmaßnahmen in fünf Schritten

Definition vorhandener und fehlender Qualifikationen: Als Voraussetzung zur Weiterbildung vorqualifizierter Mitarbeiter für dringend benötigte Jobrollen, ist eine Bestandaufnahme der Fähigkeiten eines jeden Mitarbeiters nötig. So lassen sich sowohl geeignete Kandidaten wie auch Qualifikationslücken durch die Unternehmen identifizieren. Learning Management Systems (LMS) oder eine Learning Management & Experience Plattform (LMXP) können beispielsweise eine solche Bestandsaufnahme ermöglichen. Mithilfe einer solchen Lösung lassen sich sogenannte Lernpfade aufstellen, mit denen Unternehmen dann Mitarbeiter mit relevantem Wissen qualifizieren. Über das Feedback der Mitarbeitenden lässt sich zudem auch die Bereitschaft eines Mitarbeiters abschätzen, in eine andere Position zu wechseln.

Personalisierung: Unternehmen können durch individuelle Entwicklungspläne ihren Mitarbeitern Schulungen für genau die Fähigkeiten anbieten, die diese benötigen. Intelligente Systeme mit Funktionen auf Basis von künstlicher Intelligenz (KI) unterstützen präzise, automatisierte Vorschläge für Entwicklungsziele, Lernaktivitäten, Inhalte und Tools, welche die Mitarbeiter dabei unterstützen, ihre Schlüsselkompetenzen zu verbessern. So wird das Lernen zielgerichtet und passgenau auf die Lernenden zugeschnitten.

Eingliederung in den Arbeitsalltag: Viele Mitarbeiter betrachten Lern- und Fortbildungsangebote als wenig mit ihrem aktuellen Job zusammenhängend. Das hemmt sie, eine aktivere Rolle bei ihrer eigenen Entwicklung einzunehmen. Lösungen sind gefragt, die den Mitarbeitern genau dann einen einfachen Zugriff auf Informationen und Wissen ermöglichen, wenn sie dies im Arbeitsalltag benötigen. Im Idealfall sollte der direkte Zugriff auf Lerninhalte daher auch durch ein LMS oder LMXP System möglich sein.

Digitalisierung vereinfacht die Administration: Aufwändige administrative Aufgaben, die häufig der Personalabteilung zufallen, können mithilfe eines LMS oder LMXP digitalisiert und partiell automatisiert werden. Zu diesen Aufgaben gehören etwa die Registrierung eines jeden Mitarbeiters für Schulungen, das Verfolgen und Sicherstellen erforderlicher Schulungen und Zertifizierungen, die Erstellung und der Versand von Schulungsmaterialien und das Zur-Verfügung-Stellen von Schulungs-Aufzeichnungen. Die Verantwortlichen können durch Erleichterung dieser Arbeitslast dann Schulungen sehr viel schneller und zielgerichteter umsetzen und damit mehr Mitarbeiter in die Weiterqualifizierung einbeziehen.

Vorausblickende Planung: Das sogenannte „Preskilling“, also die „Vorqualifizierung“, ist eine weitere Methode, zukünftig benötigte Fähigkeiten zu entwickeln. Dabei unterstützen vorausschauende Unternehmen engagierte und qualifizierte Mitarbeiter in der Weiterbildung und im Ausprobieren neuer Rollen und Arbeitsfelder. Die Firmen adressieren mit solchen, durch intelligente Lernsysteme unterstützte Lernpfade nicht nur zukünftige Anforderungen, sondern auch die Mitarbeiterbindung. Denn Fluktuation von Mitarbeitern mit hohem Potenzial entsteht oft, wenn sich diese auf Dauer in einem beschränkten Aufgabengebiet langweilen. Dann wechseln sie schlimmstenfalls mit ihrem gesamten Wissen zur Konkurrenz, weil sie im eigenen Unternehmen keine Entwicklungsperspektiven sehen.

Der Fachkräftemangel in der Industrie ist keine neue Problematik. Durch die neuen Berufsfelder und die dafür benötigten Qualifizierungen ist jedoch den meisten Verantwortlichen klar geworden, dass sie ohne die Integration von Fortbildungs- oder Umschulungsangeboten in ihrem Unternehmen nicht wettbewerbsfähig bleiben, da sich die Stellen nicht extern besetzen lassen. Wenn entsprechende Qualifizierungsprogramme vorausschauend und effektiv umgesetzt werden, können sie einen Ausweg aus der Fachkräftemangel-Spirale ermöglichen.

Über den Experten:

Aristoteles Kabarganos ist Sales Director Central Europe bei SumTotal und unterstützt Unternehmen bei der Ausrichtung und Umsetzung ihrer Lern-, Talent- und Workforcemanagement-Strategien, um dadurch das Engagement und die Produktivität Ihrer Mitarbeiter zu steigern


[i]https://www.automobil-produktion.de/zulieferer/maschinenbauer-beklagen-erneuten-fachkraeftemangel-116.html

[ii]https://www.ey.com/de_de/news/2021/03/ey-mittelstandsbarometer-2021-fachkraefte

[iii]https://www3.weforum.org/docs/WEF_Future_of_Jobs_2020.pdf

[iv]https://www.handelsblatt.com/karriere/arbeitsmarkt-experten-dringend-gesucht-fachkraeftemangel-bedroht-aufschwung/27246344.html?ticket=ST-4677582-VVZDaQImnoJGPpOa6ssS-cas01.example.org

[v]https://www.ey.com/de_de/news/2021/03/ey-mittelstandsbarometer-2021-fachkraefte

[vi]https://www.mckinsey.de/news/presse/mckinsey-global-institute-future-of-work-after-covid-19

[vii]https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/IW-Trends/PDF/2021/IW-Trends_2021-01-05_Seyda.pdf

[viii]https://research.handelsblatt.com/assets/uploads/hri_eBook_Qualifizierung_Arbeitswelt.pdf (S25ff)


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